Leseprobe

Kapitel IX. Wochenende bei Ida. Eisblumen am Fenster

Ida winkte Marion aus dem Küchenfenster. Das Vordach über der Haustür bot keinen Schutz vor dem Schneetreiben. Ida zog sie rein, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küsste sie auf die Nase.
„Hu, wie kalt du bist, du alte Krabbe! Richtig glitschig.“
Wie gut es tat, Ida zu sehen, sie hätte heulen mögen. „Soll ich die Sachen nicht lieber draußen abklopfen?“
„Lass man, zieh sie nur vorsichtig aus.“ Ida nahm ihr den Mantel behutsam ab und öffnete die Haustür noch einmal einen Spalt zum Ausschütteln.

Der Küchenherd strahlte Wärme aus, der Tisch am Fenster war schon gedeckt. Auf der Abwäsche neben dem Herd hatte Ida einen Kochtopf in Handtücher eingemummelt, na nu, so was wie eine Kochkiste hatte sie noch nie benutzt. Auf dem Tisch standen Apfelmus, Zucker und Zimt. Sah nach Milchreis aus.

„Corinth ist in Kolafu.“
(- Anmerkung:
alter Freund der Familie / Konzentrationslager Fuhlsbüttel -)
Die große Schwester versteifte sich, nickte. Offenbar wusste sie Bescheid.
„Und ich habe einen Brief von Vati für dich.“
Ida zog ihre Schürze aus, setzte sich, las Vatis Brief, strich ihn glatt und faltete ihn wortlos zusammen.
„Schlimm?“
Ida steckte den Brief mit einer entschlossenen Bewegung in ihre Rocktasche. „Komm“, sagte sie, „lass uns erst mal was essen“, und lächelte ihr zu.

Idas Lächeln war nicht richtig. Warum verschwieg sie ihr, was in dem Brief stand? Auch der Milchreis war nicht richtig, kein bisschen angebrannt, schmeckte überhaupt nicht nach Ida. Komisch, dass einen das ärgern konnte. Dabei hatte sie sich so auf Ida gefreut, darauf, den ganzen Mist hinter sich zu lassen. Der Vormittag war grässlich genug gewesen, überhaupt die letzte Woche.

„Und, was gibt es Neues? Erzähl mal!“
„Magst du Hindemith?“
„Ist nicht gerade mein Lieblingskomponist. Wie kommst du auf Hindemith?“
Sie brummte, hatte keine Lust, über Hindemith zu reden, und fiel über den Milchreis her. Ewa mit ihrem ‚Jesus, Maria, und Joseph‘, und was war, wenn Dühring doch nicht falsch davor war? Schließlich war sie die Klassenlehrerin.
„Sag mal, kann ich mir ein Urteil über eine Lehrerin erlauben? Das geht doch nicht oder?“
„Wieso nicht?“
„Na, weil sie doch eine Respektsperson ist.“
„Deswegen kann man sich doch trotzdem seinen Teil denken. Ärgert dich denn eine?“ Ida neigte den Kopf zur Seite und sah sie schräg an.
Wollte Ida das dämliche Zeugs wirklich wissen? Ach was, sie hatte überhaupt keine Lust zu reden, über Dühring schon gar nicht. Sie schob sich einen Löffel voll Milchreis in den Mund und brummelte „Ach, nicht wirklich“.
Ida warf ihr einen Erzähl-mir-keinen-Koks-Blick zu. „Müde?“
Sie nickte, müde sein war am einfachsten.
„Dann komm, den Abwasch lassen wir stehen. Ich will dir was zeigen.“ Was, verriet sie nicht, oben bei mir, sagte sie, wirst schon sehen.

Marion lief die Treppe voraus. Auf Idas Schreibtisch stand ein Webstuhl, breiter als ihre Schultern, kein Spielzeug. Ida und Weben, das war was ganz Neues. Ringsum bunte Wollknäuel, auf dem Webstuhl unregelmäßig gegeneinander versetzte Farbflächen in Rot- und Gelbtönen, dazwischen türkise und hellblaue Streifen.

„Fehlt nur noch eine feurige Sonne“, sagte Marion.
Ida lachte. „Willst du weiter machen?“
Die Wolle fasste sich kratzig an, nur das orange Knäuel war flauschig. Sie zögerte, schüttelte den Kopf.
„Na gut, dann mach ich mit der Sonne weiter und du ruhst dich aus.“ Ida schüttelte ihr auf dem Sofa unter der Dachschräge ein Kissen zurecht, nahm eine Wolldecke und deckte sie zu.

Der Ofen neben der Tür bollerte und sang vor sich hin, der Holzkamm klackte beim Weben, ausruhen war gut, sie war wirklich müde, sie gähnte, genau genommen war sie unendlich müde, das Schiffchen ging mit den bunten Fäden hin und her, vor dem Fenster stoben immer dickere Schneeflocken vorbei, Ida machte ihre Schreibtischlampe an, eine opalweiße Glocke mit dünnem Messingstiel, das Licht umströmte Hände, die eine Sonne zur Welt zu brachten, Abendrot über dem Meer, warmer Sand, Wellen, Möwenschreie, Glöckchengeklingel, sie blinzelte. Ida hatte sich einen Sessel an die Teevitrine vorm Sofa gerückt und klopfte mit einem Löffel auf die Glasplatte. Auf dem Vitrinentischchen stand ein Tablett mit Mate, Sirupbroten und einer Tafel Schokolade.

„Wow!“ Marion streckte sich, strahlte Ida an, machte es sich im Schneidersitz bequem, griff sich eine Kalebasse und begann Mate zu saugen. Er hatte etwas ebenso Exotisches an sich wie der grünringige Malachit und der blutrote, aztekische Steinfloh in der Vitrine unter der Tischplatte. Ida hatte noch mehr Figuren von ihrer Argentinienreise mitgebracht, die bevölkerten das Fach unter Idas Teeservice und Likörgläsern im Glasschrank gegenüber, in der Mitte residierte die hutzelige Pachamama mit ihrer schwarzen Schlange. Die Pachamama sei ihr auf einem Markt in Buenos Aires ins Auge gefallen, hatte Ida erzählt, sei ihr quasi zugelaufen, erst hinterher hätte ein Freund von Jan (-Anmerkung: Idas Mann, Kapitän-) ihr klar gemacht, dass sie eine Gottheit erworben hatte, dass die Indios in den Anden in solchen Tonfiguren ihre Erdmutter verehrten und ihr Geschenke darbrachten, Zigaretten, Schnaps, was sie selber so mochten. Sie stellten sie sich uralt vor und immer noch lebensspendend wie eh und je. Ida vermutete seitdem, dass der vorige Besitzer seine Gottheit nur verkauft hatte, um in der Stadt nicht zu verhungern, und schämte sich im Nachhinein, sie ihm genommen zu haben.

„Hast du schon mal daran gedacht, nach Buenos Aires auszuwandern?“
„Solange mir Jan den Mate mitbringt, warum sollte ich?“
„Ne, im Ernst.“
„Wenn ich in Argentinien lebte, müsste Jan mir dich mitbringen, Tee ist einfacher.“
„Ach was, ich würde doch mitkommen.“
„Und was machen wir mit Vati und den anderen?“
„Die nehmen wir einfach mit und Anne auch.“
(- Anmerkung: Busenfreundin aus voriger Schule -)

Ida lachte und gab zu bedenken, dass Argentinien ein sehr fremdes Land war, wunderschön für einen Besuch, zum Heimisch-Werden aber weniger entgegenkommend. Sie fragte nach Anne und neuen Freundinnen bei Helene Lange (- Oberrealschule für Mädchen -), Marion erzählte von der Hausmusik bei Ulrike, von Distler, Hindemith, dem Lumpazivagabundus (-Theaterstück, wird in Schule geprobt-) und der roten Schulhohner, von dem Besuch bei Sigrid, eins ergab sich aus dem anderen, von Benny Goodmann und Hellas Swingbegeisterung kam sie auf ihre Selbstportraits und die unendlichen Hyperbelschleifen, die Geislerschen Röhren und Rikki Tikki Tavi mit der Kobra. An der Stelle ging Ida neuen Mate aufbrühen.

Marion nahm das Anstandsstück Schokolade vom Tisch, stand auf, öffnete den Vitrinenschrank und legte es der Pachamama hin. Damit du dich bei uns heimisch fühlst. Die Erdmutter seufzte. Alle anderen wollten auch was haben, selbst die Nixe auf dem Nähtisch zwischen Vitrine und Ofen bettelte, wobei sie sich auf dem Bronzefuß von Idas bunter Schwertlilienlampe rekelte. Die Gesellschaft verstummte, als Ida zurückkam.

„Deine neue Klasse gefällt mir. Neben wem sitzt du eigentlich? Ulrike?“
„Nö, die meiste Zeit habe ich zwischen Hella und Karla gesessen.“
„Und jetzt nicht mehr?“
Marion schüttelte den Kopf.
„Wieso? Vertragt ihr euch nicht?“
„Doch, Hella mag ich sogar ganz gerne. Am Anfang fand sie mich, glaube ich, nur lustig, aber als wir dann über Bilder geredet haben, mochte sie mich auch.“
„Sie fand dich lustig?“
„Erst dachte ich, sie interessierte sich wie ich für Mathe und Unendlich, aber in Wirklichkeit hat Hella das nur ihrer vorigen Klassenlehrerin zuliebe getan und um die neue Klassenlehrerin mit meinen Ideen zu ärgern. Sachen außer der Reihe mag die nämlich nicht.“
„Eine neue Klassenlehrerin?“
„Ja, die kam einen Tag nach mir.“
„Und wie ist sie so?“
„Wir haben Physik und Mathe bei der.“
Ida sah sie forschend an. „Ah ja? Und neben wem sitzt du nun?“
„Eine Weile habe ich neben Sigrid gesessen. Die will aber nur ihren BDM Kram machen.“
„Ah ja?“
Marion schlürfte Mate und studierte den steinernen Floh in der Teevitrine.
„Und wie ist Ewa so?“
„Prima. Aber andauernd muss sie mich vor den Ziegen warnen. Wird langsam eine schlechte Gewohnheit von ihr.“

Nachdem das raus war, gab Ida keine Ruhe, ehe sie nicht auch noch über die Meisterin und deren Geisterunsinn Bescheid wusste und über Dühring mit ihrem Hass auf Einstein und mit ihrer deutschen Physik. Am Ende berichtete Marion, was Ewa und Ulrike ihr auf dem Weg zur Hochbahn gesagt hatten, von wegen sie sollte mit ihren Bekehrungsversuchen aufhören.
„Sehr vernünftig“, sagte Ida.
„Bei der Meisterin habe ich das eingesehen, wenn wer an Geister glauben will, kann man nichts machen. Bei Physik ist das aber was anderes, da muss man doch diskutieren können, was stimmt.“
„Wenn sie das aber gar nicht wissen will?“
„Aber das muss sie doch.“
„Ach ja? Bloß weil sie deine Physiklehrerin ist?“
„Jedenfalls komme ich nicht gegen sie an, als Klassenlehrerin denkt sie, hat sie von vornherein recht. Aber richtig ist das nicht, nicht in Physik.“
„Rechthaberei hat nichts mit Physik zu tun, das ist wahr. Aber um Physik, glaube ich, geht es bei eurem Streit um Einsteins Qualitäten nicht wirklich.“
„Denken Ewa und Ulrike auch.“
„Kluge Mädchen“, sagte Ida und sog geräuschvoll ihre Kalebasse leer.
„Kann ja sein, dass sie es gut meinen, aber diese dauernde Warnerei geht mir trotzdem auf den Keks. Meine Biolehrerin hat auch schon damit angefangen.“
Ida guckte alarmiert.
„Das war nur, weil ich was unwissenschaftlich fand.“
„In Bio?“
„Na ja, dass die sich denken, dass die nordischen Menschen die geborenen Wissenschaftler sein müssen, und ihnen dazu, dass es die erste Schrift aber im Süden gegeben hat, bloß einfällt, dass da welche aus dem Norden ihre Hand im Spiel gehabt haben müssen.“
„‚Weil, so schloss er messerscharf‘ „, sagte Ida und Marion fiel ein: „nicht sein kann, was nicht sein darf.‘ “ Sie lachten, das war aus einem von Vatis Lieblingsgedichten.
„Ja und?“, Ida zog eine Schnute, „Palmström hat schließlich auch entschlossen weitergelebt, obwohl er überfahren worden war.“
„Aber in Bio konnte ich so was doch nicht stehen lassen. Was siehst du mich so an?“
„Ich weiß nicht, ob ich stolz auf dich sein soll oder dich schütteln.“
„Grotian fand auch nur, dass ich mich vorsehen sollte.“
„Grotian? Mein Gott“, Ida schlug die Hand vor den Mund, „das Grotian Girl und Rassekunde, das darf nicht wahr sein.“
„Du kennst sie?“
„Ach, ich kannte mal wen, der so hieß, das ist aber schon lange her, vergiss es.“

Nichts erzählte Ida ihr richtig, das mit Vatis Brief nicht und das mit Grotian auch nicht, sie behandelte sie wie ein kleines Kind, nichts traute sie ihr zu, sie musste an die frische Luft, nichts wie raus hier. Wortlos stürzte sie aus dem Zimmer und die Treppe runter. Sollte Ida ruhig denken, dass sie aufs Klo ging, geschah ihr recht. Sie holte ihren Mantel aus der Küche, wo Ida ihn zum Trocknen vor den Herd gehängt hatte.
„Kind!“
Ida konnte ihr gestohlen bleiben. Warum war sie nicht hinter ihrem Ofen geblieben? Wenn sie ihr doch nichts erzählte. Finster knöpfte sie den Mantel zu und zog ihre Mütze auf, Mist, die gehörte anders rum, sie war kein Baby mehr, und mit dem Auswandern hatte Ida sie auch nicht ernst genommen.
„Was ist los?“
„Ich erzähl dir alles und du mir gar nichts. Das ist nicht fair.“
„So, du erzählst mir also alles. Bist du sicher?“
Alles, na ja, nicht ganz. Ida wartete darauf, dass sie einlenkte. Die mit ihrem Tante-Doktor-Blick. Marion funkelte wütend zurück, drehte sich von Ida weg, lief raus und knallte ihr die Haustür vor der Nase zu. Als sie im Vorgarten stand, hämmerte es von innen gegen ihre Brust und bedrängte sie umzukehren. Die brave Marion hätte sich der großen Schwester lieber in den Arm geworfen und geheult. Zur Hölle mit der braven Marion und den Erwachsenen.

Der neue Schnee lag eine Hand hoch auf dem Gang, auch die Treppen zur Elbe hinunter hatte noch keiner geräumt, die Laternen gingen gerade an. Hinter sich hörte sie die Haustür ein zweites Mal klappen. Die Luft war schneefrisch, nicht mehr schwer von Kohlerauch, war wie noch nie von irgendwem geatmet, vereiste ihr Nase und Rachen von innen. Der Aufstand in ihrer Brust beruhigte sich, Ida war doch da, hinter ihr, trotz dem bösen Angefunkel.

Unten am Elbstrand, wo sich das Eis hoch aufgetürmt hatte und es nicht weiter ging, holte Ida sie ein. Die Treibeisdecke schimmerte bläulich, schob sich knirschend elbabwärts, der Himmel über dem jenseitigen Ufer war blutrot, höher wurde er tintig und wölbte sich schwarz über sie.

„Tut mir leid“, sagte Ida, „aber weißt du, die Geschichte von dem Grotian Girl ist brandgefährlich.“
„Grotian ist nicht gefährlich, die mag mich.“
„Ich mach‘ dir einen Vorschlag“, sagte Ida, „ich erzähle dir die Geschichte auf dem Weg zurück, aber du darfst sie niemandem weiter erzählen. Sie ist nämlich wirklich gefährlich. Ich verlass mich auf dich.“
Ida nahm sie beim Kinn und sah sie ernst an. „Abgemacht?“
Marion schluckte und nickte. Mit Ida Geheimnisse haben war gut.
„Und wenn du magst, erzählst du mir hinterher den Rest von dir.“
Der Rest, das mit Sigrid und dem ‚gehört sich nicht mit dir zu gehen‘, mit dem ‚die eins imponiert mir nicht‘, mit dem hinter der Bühne spielen, sie wusste nicht, ob sie das erzählen konnte, das war zu blamabel. Sie sah Ida flehend an.
„Vielleicht nach dem Abendbrot“, sagte Ida und legte ihr den Arm um die Schulter, „und in die Badewanne wollen wir hinterher doch auch noch.“
Baden, oh ja, heiß baden war gut. Sie schob ihre Hand im Rücken um Idas Taille. Arm in Arm stiegen sie den Berg wieder hoch. Dabei erzählte Ida die Geschichte von dem Grotian Girl.

„Weißt du, als ich an der Uni war, gab es ein Praktikum, so Schmalspurphysik für Mediziner und Biologen, und da war ich mit einer anderen zusammen, die so hieß wie deine Biolehrerin. Ich hätte ihren Namen wahrscheinlich längst vergessen, wenn sie sich nicht über ihren Spitznamen geärgert hätte. Bei den anderen hieß sie nur ‚Grotian Girl‘.“
„Hattest du auch einen Spitznamen?“
„Ja, zu mir sagten sie ‚Lilchen‘.“
Aha, daher, daher also hatte Grotian das mit ‚Lilchen‘.
„Was ist?“
„Nichts“, sagte Marion, „erzähl weiter!“

„Mit Vati wurde ich übrigens damals auch schon gehänselt, weißt du, das ist nichts Neues. Aber in den zwanziger Jahren war Frau sein noch lästiger als jüdische Großeltern. Die anderen Studenten nahmen uns beide überhaupt nicht ernst, taten, als gingen wir nur zur Uni, um uns einen von ihnen zu angeln. Aber es ging schon, in der Regel schafften es unsere Kommilitonen und Professoren so eben und eben, gnädig über den Makel unserer Weiblichkeit hinwegzusehen. Das andere Mädchen war aber zudem eine glühende Verfechterin des Demokratiegedankens, und ein Blaustrumpf mit politischen Interessen überforderte die Männerwelt denn doch. Na ja, eines Tages, als ein paar unter sich mal wieder über sie lästerten, hat ein englischer Student gesagt: ‚Grotian? Owh, you mean the Grotian girl.‘ Was er meinte, war: Das Mädchen, das wie Grotius denkt. Seitdem weiß ich, dass ein Herr namens Grotius einer der ersten Verfechter des Naturrechtsgedankens war, anno Fünfzehnhundertundirgendwas, ein Vorreiter der Aufklärung. Sie selbst war nicht begeistert über das Attribut. Immer wenn sich endlich mal wer auf eine Diskussion mit ihr einließ, kam garantiert ein anderer dazu und raunte ihm zu: Die kannst du aufgeben, das ist Grotians Girl.“

„Aha“, machte Marion. Das sollte die Geschichte sein, wegen der sie sich beinahe erzürnt hatten? „Und das soll gefährlich sein?“
„Das muss deswegen ein Geheimnis bleiben, weil die heute die Ideen der Aufklärung fürchten wie die Pest. Das Ideal von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist für die ein rotes Tuch. Sie dulden keinen, der Toleranz, Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein für alle Menschen anmahnt.“
„Tut meine Biolehrerin doch gar nicht.“
„In gewisser Weise schon, wenn sie euch drauf kommen lässt, dass die Überlegenheit der Arier eine fixe Idee sein könnte. Das ist heutzutage mutig.“
„Ich glaube, sie hat sich an dich erinnert, als sie unseren Familiennamen hörte. Jedenfalls hat sie ganz versonnen ‚Lilchen‘ gesagt.“
„Spielt keine Rolle, ob ich deine Biolehrerin mal gekannt habe oder nicht“, sagte Ida ungewohnt streng und fuhr erregt fort, „So, wie sie euch offenbar unterrichtet, riskiert sie in jedem Fall ihren Hals, jedes Gerede, jeder zusätzliche Verdacht kann ihr das Genick brechen. Wenn meine Geschichte den falschen Leuten zu Ohren käme, würden die sie sofort unter die Lupe nehmen. Abgesehen davon können auch wir uns nicht leisten, in deren Visier zu geraten. Heutzutage reicht schon, Linke gekannt zu haben, jedenfalls wenn man jüdische Großeltern hat wie wir.“ Ida hatte hastig geredet, wirkte, als hätte sie einen Heidenbammel, genau, das war es, Ida hatte Angst.
„Aber wir sind doch gar nicht links. Vati hat jedenfalls immer geschimpft, dass halb Hamburg die Roten wählt. Müssten da nicht übrigens eigentlich fast alle irgendeinen Linken kennen?“
„Das war vor zwei Jahren“, sagte Ida, „inzwischen kennen sich viele selber nicht mehr, vorsichtshalber.“

Auf dem nächsten Treppensatz blieb Ida stehen, zog ihren Schal aus, lüftete ihren Mantel und verwedelte die Dampfwolke, die daraus aufstieg. Marion löste sich von Ida.
„Sag mal, ist gegen alles was haben links?“
„Hast du was gegen alles?“ Ida schnaufte ziemlich.
„Nö, aber gegen viele Sachen und ich weiß nicht, ob die anderen nicht vielleicht doch recht haben.“
„Du meinst die Ziegen?“
Wenn Ida das so sagte. Sie nickte.
„Wer tut, als hätte er die Wahrheit gepachtet, hat in der Regel unrecht.“ Ida beugte sich zu ihr und redete leise weiter. „Selbst wenn er einen ganzen Parteiapparat hinter sich hat, dann sogar mit ziemlicher Sicherheit. Eine kluge Frau hat mal geschrieben, wenn sich eine Partei die Freiheit heraus nähme, allein zu denken, sei das nicht die richtige Methode, das Beste für alle heraus zu finden, und wenn die Partei noch so groß sei. Freiheit könnte kein Privileg sein. ‚Freiheit‘, hat sie geschrieben, ‚ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.‘ Das hat sie übrigens den Bolschewiken ins Stammbuch geschrieben, die Kritik gilt aber für jede Diktatur, soviel zu deiner Frage, ob was dagegen haben links sei.“ Ida zog sich ihren Schal wieder an.
„Du meinst, es ist nicht ungehörig, wenn ich denke, sie irren sich?“
„Psst! Nein. Du bringst uns nur in Teufels Küche, wenn du das weiter rumtrompetest. Falls du es noch nicht mitgekriegt haben solltest, Krabbe: Wir leben seit bald einem Jahr in einer Diktatur. Denken kannst und sollst du dich nach wie vor ruhig trauen, nur nicht laut. Laut denken ist heutzutage gefährlich.“
Na schön, dann flüsterte sie eben. „Aber das ist doch vollkommen unlogisch, dass wir verkehrt sind, das stimmt doch einfach nicht, damit können wir uns doch nicht abfinden.“
„Richtig, nur: Wir müssen damit leben, dass wir in Ungnade gefallen sind. Solange wir hier bleiben, Krabbe, ist unsere einzige Chance, nicht aufzufallen und uns nützlich zu machen. Mit Logik hat Politik übrigens nichts zu tun. Politik ist ‚richtig‘, wenn im Endeffekt alle Betroffenen halbwegs zufrieden sein können. ‚Richtig‘ trifft die Sache so auch nicht ganz, bei Politik ist die Frage mehr, ob sie Segen bringt, ob sie also gut ist.“
„Dann ist die jetzt aber …“
Ida legte ihr die Hand auf den Mund. „Psst!“

Das Fenster von Idas Zimmer war hell erleuchtet und zwinkerte ihnen zu. Das verschneite Dach wölbte sich wie ein Augendeckel darüber. Die in Strohmatten eingewickelten Rosenstöcke im Vorgarten sahen aus wie Schneekinder. In Idas Keller roch es nach Kartoffeln und Waschküche. Die Kohlenschippe war schwer und eine reichte auch nicht, um den Badewasserkessel anzuheizen und dem Küchenherd und dem Ofen oben den Schlund zu stopfen. Marion holte Nachschub, und Ida deckte den Abendbrottisch. Eine Stunde später saß Marion endlich im Fichtennadelschaum. Ida wusch ihr die Haare und stieg anschließend selber in die Wanne. Bald saßen beide in Bademänteln auf Idas Sofa, Marion im Handtuchturban. Sie drehte Ida Lockenwickler in die Haare.

Die Pachamama sah unbewegt zu. Was heißt blamabel. Du kannst schließlich nichts dafür oder? Das war wohl wahr. Die anderen Figuren und Puppen murmelten zustimmend, du glaubst nicht, lachte die Lampennixe, was sie mir schon alles angedichtet haben. Sogar die Großeltern auf dem Bild über der Nixe gaben der Pachamama recht, und auch die Enkelschar rings um die Großeltern verzog die Münder, gibt so dumme Leute, Pöbelgeschwätz, die wissen es nicht besser, mach dir nichts draus. Das Bild war von vor dem ersten Weltkrieg, Marion und ihre Geschwister gab es da noch nicht, aber Ida, auf dem Bild war Ida ungefähr so alt wie Marion jetzt, sie hatte ganz lange offene Haare gehabt, jetzt reichten die Ida nur noch bis in den Nacken. Der letzte Lockenwickel hielt nicht richtig. Marion drehte ihn noch mal ein und steckte ihn fest.

„Es ist nicht nur, weil Dühring was gegen Einstein hat. Vorher hat sie schon zu meiner Physikeins gesagt, die imponiere ihr nicht.“
Von der Vitrinenwand kam allseits ungläubiges Kopfschütteln.
„Das sei reine Begabung, begabt sei meine Rasse ja.“
Entrüstung machte sich breit, hach, tat das gut.
„Immerzu hackt sie auf mir rum, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Wenn eine anfängt mich zu mögen, nimmt sie die beiseite und sagt ihr, dass es sich nicht gehöre, mit mir zu gehen. Bei Hella hat sie sich zwar verrechnet, die hat mich daraufhin erst recht eingeladen, hätte sie sonst vielleicht gar nicht, aber Sigrid ist ihr BDM wichtiger als ich. Und zur Krönung hat mich die Ziege gestern auch noch nach hinten gesetzt, zu der Unbeliebtesten, die ihr immer alles petzt. Und beim Theater darf ich auch nicht richtig mitmachen, nur hinter der Bühne Quetsche spielen und mitsingen. Hinter der Bühne! Hast du so was schon mal gehört?“
„Nö“, sagte Ida, „bei jedem Dick und Doof Film spielt das Klavier vor der Leinwand.“ Sie wickelte Marion den Handtuchturban vom Kopf, strich ihre Haare lang aus und begann, sie zu bürsten und zu föhnen.

„Vati braucht das aber nicht zu wissen. Ich glaube, er will so was auch gar nicht hören.“ Ida brummte. „Nach Berlin konnte er nichts essen.“ Sie schielte zu Ida hoch.
„Kein Wunder“, um Idas Mund zuckte es.
„Sonst war er immer gern da.“

Die Haarbürste stockte, der Föhn blies in die Wolle im Korb neben dem Webstuhl. Vati redete von dem geheimen Finanzrat immer wie von einem väterlichen Freund und war stolz darauf, dass ein so wichtiger Mann regelmäßig seinen Rat suchte. Der Finanzrat war sicher schon ziemlich alt, solange sie denken konnte, verkörperte er für sie das Direktorium der Golddiskontbank. „Geht es Doktor Friedrich vielleicht nicht gut?“
„Das auch nicht.“ Haarbürste und Föhn nahmen ihre Arbeit wieder auf. „Er kann Vati jedenfalls nicht mehr halten.“
„Ich dachte, sie brauchen ihn.“
„Nach der Wirtschaftskrise konnten sie ihn brauchen. Da kam er ihnen als Devisenfachmann mit seinen Verbindungen gerade recht, war eine heikle Sache, die Kreditwürdigkeit der Hamburger Banken im Ausland wiederherzustellen.“
„Aber sie waren doch zufrieden mit ihm oder?“
„Ach Krabbe, ja, er hat sich einen guten Namen gemacht. Aber das nützt ihm heute doch nichts mehr. Keiner will ihn mehr, als Treuhänder nicht und als Devisenfachmann auch nicht. Die haben ihn abserviert.“ Die Bürste riss hinten an Marions Haaren. „Autsch!“ Ida holte tief Luft und brachte die Bürste wieder unter Kontrolle. „Und nicht nur das“, sagte Ida, „um einer Arisierung zuvorzukommen, haben sie Vati geraten, unsere Bank Mathilde zu überschreiben.“
„Mama??“ Das war lächerlich.
„Tja, unser edler Ritter steht im Hemd da.“
Was für eine Vorstellung, Vati war selbst auf Sylt in den Dünen nie ohne Schlips und wenigstens Weste unterwegs. „Aber es ist doch gar nichts verkehrt mit ihm!“
„Da hast du recht, schämen müssten sich eigentlich andere dafür. Das ändert aber nichts an der Kränkung.“ Strich um Strich verflog die letzte Feuchtigkeit. Marions Haare wurden seidig, hielten die Wärme federleicht über der Haut.
„Lass man“, sagte Ida, „Vati kommt schon zurecht, er hat immer noch uns und kann jetzt seinen Stolz darein setzen, uns über die Runden zu bringen. Aber es ist nicht leicht für ihn, dass sein Name auf einmal nicht mehr gut ist, dass all seine Verdienste um das Vaterland umsonst waren. Und nicht nur seine, die unserer ganzen Familie. Die Mühe von Generationen, sich als Deutsche zu beweisen, unser Bürgereid, alles von einem Jahr aufs andere vergessen.“

Ida legte Bürste und Föhn weg und strich ihr die Haare um das Gesicht zurecht. „Wie schön du bist, meine kleine Krabbenfee.“
Sternenfee hatte Onkel Corinth sie genannt. Sch, machte die Pachamama, schon gut, er kommt sicher wieder. „Findest du, dass Zöpfe zu mir passen?“
„Ich finde, du siehst damit braver und jünger aus, als du bist. Aber behalte die Fee ruhig noch eine Weile für dich.“

Ida stand auf, stellte zwei grüne Likörgläser aus dem Vitrinenschrank auf den Teetisch, tauchte hinter ihrem Schreibtisch in die Ecke ab, wo auch ihr Arztkoffer für Notfälle bereit stand, und förderte eine viereckige, braune Flasche zutage. Als sie sie öffnete und kleine Schlucke in die Gläser einschenkte, breitete sich Orangenduft aus.
„Cheers, du alte Krabbenfee!“
„Cheers, du uralte Lockenwicklerhexe.“
Hmm, der Likör kroch in alle Winkel ihres Mundes, kribbelte in der Nase, sie nieste.
„Gesundheit, du ururalter Nasenbär.“ Ida schenkte sich einen Schluck nach.
Marion winkte ab. „Danke, du urururalte Schnapsdrossel.“
„Dann eben nicht, du ururururalte …“ Ida fing an zu kichern.
„Gewonnen!“ sagte Marion, und dann lachten sie alle beide, bis sie nicht mehr konnten.

Mitten in der Nacht wurde Marion wach. Ida schnarchte, der Wecker tickte, die Standuhr unten im Wohnzimmer schlug vier, Schnee rutschte vom Dach. Onkel Jans Bett war größer und härter als ihres zuhause, sie drehte sich auf die andere Seite, zog sich das Federbett über den Kopf und rollte sich darin ein. Das Bettzeug roch nach Apfelwiese, die Luft war ungewohnt kalt und frisch, Ida heizte ihr Schlafzimmer nicht.

Die sture Gerda, was sollte sie mit der bloß anfangen? Die meisten waren gegen Dühring. Warum war sie so fanatisch? Ich glaube, sie mag dich eigentlich, hatte Ulrike gesagt. Vielleicht hält sie sich nur an die Vorschriften, vielleicht will sie nur vorbildlich sein. Den Kopf einziehen, hatte Ida gesagt, sich nützlich machen, aber sich nützlich machen wollte sie doch auch, wollte gerne zeigen, was sie konnte, nicht auffallen, hatte Ida gesagt, aber das war doch kein Leben, der Mensch brauchte doch eine Chance zu zeigen, was in ihm steckte, imponiert mir nicht, du gehörst dich nicht, das war doch nicht auszuhalten, immer nur Tritte einstecken, sich mit Brosamen begnügen, die von der Herren Tische fielen, Vati war doch kein Bettler, ihr Platz war doch mit am Tisch.

Die Standuhr unten schlug fünf. Marion schlüpfte aus dem Bett und schlich die Treppe runter aufs Klo. Es war eiskalt im Bad, das Feuer unter dem Wasserkessel war längst aus. Schnell zurück unter die warme Decke und weiterschlafen. Ein fahles Licht fiel durch die Vorhänge auf Idas Seite. Marion schlich auf Zehenspitzen hin, hauchte die Eisblumen auf der Scheibe an und rieb ein Guckloch hinein. Über den Dächern gegenüber stand die Mondkönigin, hatte ihr Gesicht ganz schief verhüllt, ob Onkel Corinth vielleicht auch nicht schlafen konnte und sah, wie traurig sie war? Wie schlimm ist es? Siehst du ihn? Die Mondkönigin schwieg. Marion schlotterte. Schnell zurück ins Bett. Sie konnte sich aber nicht rühren, konnte ihren Blick nicht von der Mondkönigin lassen.

„Marion?“ murmelte Ida schlaftrunken. Marion regte sich nicht. Sie hörte Ida aufstehen, spürte sie im Rücken, sie kam ganz nah, war warm durch das Nachthemd zu fühlen, legte ihr von hinten die Arme um die Schultern und sah Wange an Wange mit ihr mit durch das Guckloch in den Eisblumen.
„Was für ein Pflaumenmond.“
„Sie hat ihren Schal über das Gesicht gezogen, sie hat Corinth gesehen.“
„Sie?“
„Wie schlimm ist Kolafu? Du weißt es doch oder? Sag mir, was du weißt, bitte!“
„Gut, ich sag’s dir.“ Ida zog sie enger an sich. „Ende letzten Jahres kursierte ein anonymer Bericht von einem Häftling, den irgendwer rausgeschmuggelt haben musste. Die SS misshandelt Gefangene, zehn waren schon gestorben. Beten wir, dass Corinth durchhält.“
„Die Mondkönigin können sie ihm nicht wegnehmen.“
„Die Mondkönigin?“
„Aus der Ode an eine Nachtigall.“
„Ach so, Keats, ihr habt euch ja über Keats unterhalten, sieht ihm ähnlich“, Idas Atem wärmte Marions Ohr. „Tender is the night, and haply the Queen-Moon is on her throne, cluster’d around by all her starry fays.“
„Weiter!“
„Mehr habe ich mir nicht gemerkt.“
„Schade. Ich wollte die Ode so gerne mal ganz lesen, geht aber nicht, weil Mama mir Corinthchens Buch nicht gibt, obwohl es mich so brennend interessiert, wahrscheinlich gibt sie es mir deswegen nicht.“
Ida knurrte, sie hatte so ihre eigenen Erfahrungen mit der Stiefmutter. „Du bist ja eiskalt, Krabbe, komm, komm mit ins Bett.“
„Darf ich zu dir unter die Decke?“ Ida machte ihr Platz.

Die Sonne hatte die Eisblumen am Fenster weggetaut. Unten im Haus waren Stimmen zu hören. Marion fand ihre Hausschuhe vor dem Bett, zog sich Idas Bademantel über und öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt. Ida redete an der Haustür mit dem alten Orm. Richtig, sie gab ihm jeden Morgen seine Insulin-Spritze. Hätte er auch selber gekonnt, mochte er aber nicht. Ida hatte den alten Gärtner ihres Großvaters in Verdacht, dass das nur eine Ausrede war, um zu ihr zu kommen. „Schönen Gruß auch an das Fräulein Mahjon“, sagte der alte Orm gerade. Ob sie ihm noch guten Tag sagen sollte? Aber so im Bademantel? Dieses akkurate Hochdeutsch, so hatte der Alte mit dem roten Schal an der Überseebrücke auch geredet, deswegen war er ihr so vertraut vorgekommen. „Und Danke fürs Schneeschippen!“ – „Da nich für.“ Die Haustür fiel zu. Marion lief die Treppe runter, an Ida vorbei in die Küche und winkte dem alten Orm durch das Fenster nach. Er winkte zurück. Es roch nach Kaffee, Orm hatte ihnen eine Tüte Brötchen zum Sonntagsfrühstück mitgebracht. Es gab weichgekochte Eier, Butter, Honig und Quittengelee von einer Patientin.

Die Uhr im Wohnzimmer schlug elf. Ida drückte ihr eine Briefkarte mit den beiden Zeilen aus der Ode an eine Nachtigall in die Hand.
„Freust du dich nicht?“
„Doch, aber ich weiß nicht, wie ich das Corinthchen schicken soll. Wollte ich nämlich, damit er weiß, dass wir wissen, wo er ist, und das wir uns um ihn kümmern. Aber der Graf und Tante Jenny (-Gäste beim letzten Bridgeabend-) sagen, Briefe seien gefährlich.“
„Stimmt“, sagte Ida und funkelte Marion spitzbübisch an.
„Du hast eine Idee?“
„Ja, aber du musst schwören, dass du niemandem was sagst und mich auch nichts weiter fragst.“
Marion hob feierlich die Rechte. „Ich schwöre!“
Ida zog sie zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr, „Gib die Karte dem Pastor, wenn du sowieso beim Konfirmandenunterricht bist, aber so, dass das niemand mitkriegt. Sage ihm nur kurz, dass das für einen 175er namens Corinth in Kolafu ist. Der Pastor wird nichts weiter wissen wollen, und du darfst auch ihn nichts weiter fragen, verstanden?“
Marion nickte eifrig, fabelhaft, eine Verschwörung mit Ida und dem Pastor, schade, dass sie das Ulrike nicht erzählen konnte oder wenigstens Anne schreiben, aber schreiben ging ja nun gar nicht. Äh, nach dem § 175 fragen ging jetzt auch nicht mehr, zu dumm, dass sie das nicht vorher getan hatte, das wollte sie doch eigentlich. Sie holte ihre Mappe und steckte Idas Karte in ihr Englischbuch, da würde sie niemand auffallen.

„Hier“, sagte Ida, „das Buch kannst du auch gleich mit einstecken.“ Das sah doch aus, wie das von Tommy, das, das aus dem Bücherbord zuhause verschwunden war. Es war es! Marion jubelte und wollte Ida um den Hals fallen. Nun steck die Buddenbrooks schon ein, wehrte die ab, aber tu mir einen Gefallen und lass sie in der Mappe, solange du hier bist. Und zuhause lies den Mann bitte auch nur in deinem Zimmer und in der Schule auf gar keinen Fall, hörst du? Klar, sie war doch nicht blöde.

„Wird Zeit“, sagte Ida, „an unsere Kohlrouladen zu denken.“
„Kohlrouladen?“ Im Gängeviertel hatte es nach Kohl gerochen.
„Ich dachte du magst die?“
Marion rümpfte die Nase. Nach Kohl roch es bei Gesindel.
„Vor Weihnachten hast du von denen bei Annes Mutter geschwärmt.“
„Ich mag sie schon, nur den Geruch nicht so.“
„Sollen wir lieber Frikadellen machen?“
„Nö, Rouladen sind gut.“ Wie bei Anne durfte es bei Ida ruhig riechen.

Marion holte Kartoffeln, Kohl, Zwiebeln und Eier aus der Speisekammer. In der Zwischenzeit hatte Ida altes Brot eingeweicht und alles übrige bereitgestellt. Marion schnipselte und schälte, Ida vermengte Hackfleisch, Brotbrei und Gewürze.

„Gilt das Versprechen, zu der Botschaft an Corinthchen nichts zu fragen, auch für was, was ich dich eigentlich schon vorher fragen wollte?“
„Also das müsste ich erst glauben.“
Marion erzählte, dass sie Vati und den Grafen belauscht und im Lexikon nichts über den §175 gefunden hatte.
„Homosexualität“, sagte Ida.
Marion rollte eine Kartoffel davon.
„Wusstest du das nicht?“
„Ich dachte, solche gibt es nur in Berlin.“ Marion tauchte unter den Tisch, um die Kartoffel wieder einzufangen.

„Sag mal, gibt es in Hamburg auch Juden?“
„Wenn ich nicht irre, beehrst du einen davon regelmäßig mit Gute Nacht Küssen.“
Marion plinste über die Tischkante: „Ich meine doch nicht solche wie Vati und die Großeltern, ich meine, solche wie in Wien.“
Idas Hand blieb im Fleischteig hängen.
„Na ja, wie die, die den Führer auf seine Ideen gebracht haben, so mit Kaftan und so.“ Marion stemmte sich hoch und setzte sich wieder an den Tisch.
„Wo hast du das denn her?“
„Also sein Arbeiterelend gibt es, und das sieht man bei uns auch nur, wenn man sich mal ins Gängeviertel verirrt.“
„Du warst nicht im Gängeviertel!“
„Doch, aus Versehen. Weißt du, ich radle manchmal in der Stadt rum.“
„So.“ Idas maß sie mit einem von ihren Tante-Doktor-Alarm-Blicken.
„Macht mir einfach Spaß.“
„Und du meinst, da könnten irgendwo so Typen wie auf den Stürmer-Titelblättern stecken?“ Idas Hand erinnerte sich wieder an ihre Arbeit und knetete ingrimmig weiter.
Marion zuckte die Schulter, konnte doch sein oder?
„Soll ich dir mal was verraten, solche wie auf dem Stürmer gibt es auch in Wien nicht, die gibt es überhaupt nicht.“ Ida ging dazu über, den Kohlkopf mit einem Messer zu traktieren. „So wenig wie den schwarzen Mann, der Kinder frisst, wenn sie nicht artig sind.“
„Aber sie sagen doch, die wollen die Weltherrschaft oder so was?“
„Wenn wer anderen pauschal böse Absichten unterstellt, dann hat er meist selber welche.“
„Ich habe auch nicht verstanden wieso. Wir sind auch noch nicht ganz durch.“
„Durch was?“
„Na, durch sein Buch. Da beißt sich alles in den Schwanz. Erst dachte ich, unsere Deutschlehrerin erklärt das nur nicht richtig, langsam glaube ich aber, dass es doch am Führer selbst liegt.“
Der Kohlkopf landete mit einem Plumps in dem Topf mit dem kochenden Wasser. Ida schrie auf, stürzte zum Waschbecken und ließ sich kaltes Wasser über die Hände laufen. Langsam drehte sie sich um. „Soll das heißen, ihr lest ‚Mein Kampf‘ in Deutsch?“
Marion zuckte die Schultern, nickte. Wieso klang Ida so entgeistert?

Ida tastete nach dem nächsten Stuhl, sank darauf zusammen, zog die Schultern an die Ohren und hielt sich den Bauch.
„Hast du dich sehr verbrannt? Zeig mal!“
Ida rührte sich nicht, sie war ganz blass, sah starr vor sich hin.
„Ist dir nicht gut?“
„Es ist nur …“, sagte Ida tonlos, „ich wusste nicht, dass sie das jetzt in den Schulen lesen lassen.“
„Entschuldige, bitte, ich wollte nicht …“

Ida hörte gar nicht zu. Sie fing an, wie mit dem Tisch zu reden, murmelte vor sich hin. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, Ida wurde immer leiser, „aber wenn sie das in den Schulen lesen lassen, wenn sie das tatsächlich ernst meinen“, sie hob die Rechte vor die Augen, kehrte die Handfläche nach außen, „mein Gott, wenn sie das wirklich machen.“

„Bitte! Ida!“ Marion zog Ida sanft die Hand vom Gesicht. „Komm!“

Ihre Finger schlossen sich ineinander. Langsam entspannte sich Ida, gab sich einen Ruck, stand mit einer entschlossenen Bewegung auf, hob den blanchierten Kohl mit einer Kelle aus dem Kochtopf, stellte ihn zum Auskühlen ab und ging zum Schrank.

Wenn sie das wirklich machen, politische und weltanschauliche Folgen, das Kapitel im Biobuch. „Ich denke schon die ganze Zeit, dass Vati keine schlechten Anlagen haben kann“, sagte Marion zu Idas Rücken.
„Natürlich nicht!“ Ida knallte die Schublade zu.
„Dann ist das also alles tatsächlich nicht erwiesen.“
Ida drehte sich um, Schere und Garn in der Hand. „Ach Krabbe, die Frage ist doch nicht, was wahr ist, sondern, was sie wahr machen. Das ist eine Frage der Macht. In der Politik, Krabbe, gelten andere Regeln als in der Wissenschaft. Hier, halt mal.“

Sie begannen Fäden für die Rouladen zurecht zu schneiden.
„Aber man kann doch nicht einfach so drauf los Fehler wahr machen.“ Marion maß den nächsten Faden ab. „Weiße ertränken zum Beispiel.“ Ida guckte irritiert, statt zuzuschneiden. „Na, Welpen. Ewa hat doch gesagt, dass sie Hunde mit Fehlern ersäufen, als wir uns bei Sigrid über Greif unterhalten haben. Habe ich dir doch gestern schon erzählt.“
„Ach, du meinst die Sache mit dem Schäferhund.“
„Ja, dabei sind weiße tüchtig und sehr lieb. Und das Volk wollen sie jetzt auch züchten, wie sie sich das denken, dabei stimmt bei denen überhaupt nichts, bei deren Rassekunde beißt sich auch alles in den Schwanz …“ ‚Genau wie im Führerbuch‘, lag ihr auf der Zunge, aber das schluckte sie runter.
Ida packte Hackfleisch in ein Kohlblatt. „Das ist nicht nur falsch“, sagte sie angewidert zu dem bleichen Päckchen, „und dumm, dass sie alles, was irgendwie anders ist, nieder machen, das ist vor allem böse und gefährlich.“

Schweigend arbeiteten sie weiter. Am Ende schob Ida die Schmorpfanne auf die heißen Herdringe, und Marion hielt ihr die Rouladen zum Anbraten hin. Dabei überstürzten sich ihre Gedanken. Das musste doch wer sagen, laut sagen, dass das böse war, ehe die schlimme Fehler wahr machten. Wo es doch um die menschliche Rasse ging, ehm, ne, Art, na ja, um lauter Familien, solche wie ihre eben. Das Fett zischte. Beim Angießen stieg eine Kohldampfwolke auf und hüllte Ida ein.

„Gibt es denn niemand, der sie zur Vernunft bringen und aufhalten kann?“
Ida deckelte die Pfanne zu, verwedelte den Dampf und nahm Marion beim Kinn.
„Kopf hoch, Krabbe, es gibt sicher kluge Leute, die das könnten, im Ausland zumindest. Irgendwann werden sich schon wieder andere durchsetzen.“
Irgendwann? Ida sah ihr zweifelndes Gesicht und sagte was vom Lauf der Geschichte. Lauf der Geschichte! Warum sagte Ida nicht gleich ‚Lauf der Jahrhunderte‘? So lange konnte sie nicht warten.

„Und was ist, wenn sie doch recht haben? Ich meine, wie können wir wissen, ob wir so in Ordnung sind, wie wir denken.“
„Aber Krabbe, so was darfst du niemals denken!“ Ida starrte sie an, öffnete und schloss den Mund, schluckte trocken. Sie reckte sich auf, wuchs über sich hinaus, kippte noch mehr Wasser in die Pfanne, schlug den Deckel zu und packte Marion bei der Schulter. „Komm mit!“

Sie zerrte Marion die Treppe hoch in ihr Zimmer und stieß sie grob vor das Bild mit den Großeltern und der Enkelschar. „Sieh sie dir an!“ Ida klang richtig sauer. „Also, was ist? In Ordnung oder nicht?“
„Du tust mir weh!“ Sie fühlte sich verpetzt, mochte die Großeltern nicht ansehen. „Lass mich!“ Sie wand sich aus Idas Griff, kämpfte mit Tränen, was für ein Riesengrobian war in Ida gefahren? „So habe ich das doch nicht gemeint.“
„Entschuldige, bitte!“ Ida schrumpfte in sich zusammen. „Ich auch nicht, ich bin nur so …“ Ida streckte bittend die Hand nach ihr aus. Marion verbarg ihr Gesicht in Idas Schürze und legte die Arme um sie; Ida strich ihr über den Rücken.

Ohne Ida los zu lassen, drehte Marion sich zu den Großeltern um, ließ Revue passieren, was sie über sie wusste, und erklärte ihnen, dass sie nicht glaubte, was die anderen sagten. Der Großvater zuckte nur die Schulter. Das ist die Hauptsache, zwinkerte ihr die Großmutter zu, bleib dabei. Dabeibleiben, ja, genau darin lag das Problem. Wenn etwas offiziell als richtig galt, war es nicht so leicht, nicht auch daran zu glauben, auch wenn man eigentlich dachte, dass es falsch und sogar böse war.

„Vielleicht sind wir auch gar nicht ganz …“, Ida stockte, weil die Großmutter ihr mit dem Finger drohte. Ida senkte den Blick.
„Gar nicht ganz?“
„Halb. Komm, wir müssen sehen, dass die Rouladen nicht anbrennen.“

So, wie Ida die ertränkt hatte, konnten sie überhaupt nicht anbrennen. Dabei mussten Kohlrouladen eigentlich immer ein klein bisschen angebrannt sein, um richtig zu schmecken. Salz fehlte auch. So war wenigstens etwas beim Alten geblieben. Wenn Ida plötzlich auch noch kochen gekonnt hätte, wäre es vollends ungemütlich geworden.

Nach dem Essen gingen sie mit einer Tüte altbackenem Brot in den Hirschpark. Die verschneiten Palmen wirkten vor der Kulisse der Elbe und des jenseitigen Finkenwerder fehl am Platz. Die Hirsche dösten dicht gedrängt in einer Ecke ihres Geheges vor sich hin. Bei dem herrlichen Sonntagswetter war halb Blankenese schon auf die Idee gekommen, sie zu füttern. Selbst die Tauben saßen pappsatt auf dem Stalldach, die Köpfe unter dem Gefieder. Auf dem Rückweg gingen sie beim Konditor vorbei und holten sich angesichts des näher rückenden Abschieds zum Trost zwei Sahnestücke, eins mit Walnüssen und eins mit Sauerkirschen und Schokoladenbiskuit. Sie teilten sich den Kuchen am Küchentisch.

Ida berichtete Marion, dass der Familienrat sich bereits mit dem Thema Auswandern auseinandergesetzt hatte. Vati mochte ihre Familienbank nicht aufgeben, die Bankgewahrsame war wertvoll, und um woanders etwas Neues aufzubauen, fühle er sich zu alt. Nach Lage der Dinge hielte er es vorerst für vernünftiger, zu bleiben und in die Ausbildung seiner Kinder zu investieren. Sie selber könnte im Ausland auch nicht einfach als Ärztin weiter arbeiten.

„Könnte nicht wenigstens ich zu Onkel James nach England? Das ist doch nicht so weit weg, und Arnold ist doch auch im Internat.“
„Internat? Du willst fort von mir, von Cäcilie, Vati? Von deinem Kirchenchor? Den Alsterratten? Hast du dir das wirklich überlegt?“
„Lea kommt jetzt auch in ein Musikinternat in England.“
„In England müsste Onkel James für dich aufkommen, das wird Vati sicher nicht wollen. Nein, Krabbe, mach du man hier dein Abi, das kann dir dann keiner mehr nehmen. Sind doch nur noch drei Jahre, danach können wir immer noch weiter sehen.“
„Aber Ida, drei Jahre! Das halte ich nicht aus, ich möchte so gerne so viel und nichts lassen sie mich richtig.“
„So, und was möchtest du werden?“
„Werden? Du meinst, so als Beruf? Eigentlich hätte ich gerne was mit Musik gemacht, Sängerin oder Pianistin, na, oder wenigstens Musiklehrerin, oder Ärztin, Menschen helfen, so wie du und wie Annes Vater, das habe ich mir an sich gewünscht. Aber das geht anscheinend ja alles nicht mehr.“
„Und was ist mit Naturwissenschaft? Mathe, Physik? Hättest du dazu nicht Lust? Ich meine, das sind doch deine Stärken.“
Marion verzog das Gesicht. An Dührings deutsche Physik mochte sie nicht mal denken.
„Oder du studierst Chemie, und dann machen wir uns beide in der Industrie nützlich.“
„Aber …“ Marion krauste die Nase.
„Ich fange im Sommersemester mit Pharmazie an.“
„Aber du bist doch schon Ärztin!“
„Tja“, seufzte Ida. „Ein paar Patienten kommen heimlich immer noch.“ Sie fing an, das Kaffeegeschirr zusammenzustellen. „Aber im Krankenhaus darf ich nicht mehr arbeiten. Wusstest du das noch gar nicht?“
Der Webstuhl, das erklärte den Webstuhl. Was war passiert?
„Weißt du“, plauderte Ida weiter, als ob nichts wäre, „genau das, was man möchte, kann man nun mal nicht immer haben. Vati hätte auch lieber was mit Naturwissenschaft gemacht, als in die Bankgeschäfte einzusteigen.“

Aber … was blieb einem dann? Die gestickte Tischdecke, die Ida zur Feier des Tages aufgelegt hatte, hatte einen Fleck abbekommen. „Kinder“, murmelte Marion, straffte sich, „Kinder hätte ich auch gerne, Kinder und einen klugen, gütigen Gatten.“
„Ach Krabbe“, prustete Ida los. Was zum Teufel gab es da zu prusten? Ida nahm sich zusammen und setzte hinzu: „Das wird sich finden, wenn es soweit ist.“
„Ich halte es aber jetzt schon nicht aus.“
„Was hältst du nicht aus?“
„Die Schule.“ Sie machte ein Zahnwehgesicht. „Alles.“
„Kann es sein, dass du etwas übertreibst?“
„Na ja, die Klasse ist schon in Ordnung, einige jedenfalls.“
„Na siehst du. Alles, Krabbe, läuft nie, wie man sich das wünscht.“

 

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