Über die Fiktionalisierung der zeitgeschichtlichen Quelle

Gespräch aus der Autorenwerkstatt.

S.: Mir kam beim Lektorieren von einem Krimi gerade mal wieder ein Beispiel dafür unter, dass Romanfiguren ein Eigenleben führen. Da wurde eine Figur erschlagen, von der ich wusste, dass sie ursprünglich an Krebs sterben sollte.

Lea: Hört sich eher an wie ein ‚Eigentod‘.

S.: Worauf ich hinaus will, ist, dass deine Figuren durch die historischen Vorlagen festgelegt sind. Das stelle ich mir literarisch schwierig vor.

Lea: Hm. In der jetzigen Romanfassung hält sich eigentlich nur noch das Ende dicht an den schriftlichen Nachlass von Herta F. Um die Episode zu verstehen, habe ich mich schließlich in den Roman hinein geschrieben.

S.: Du dich selber?

Lea: Ja, ich habe genommen, was ich über Herta wusste, und mich dann in ihre Lage versetzt. Ich meine wirklich mich. Hertas Briefe, Tagebuchauszüge und Rückblicke haben mich in die Zeit geführt, und mit Marions Augen konnte ich sie dann näher betrachten, in Marion steckt viel von mir.

S.: Aber den Konflikt hast du nicht erfunden.

Lea: Aber Marions Art, damit umzugehen, die hat sich erst beim Schreiben heraus kristallisiert. Und ab einem gewissen Punkt haben sich auch Figuren in den Roman gedrängt, die der Fünfzehnjährigen sagen konnten, was ich ihr damals gerne gesagt hätte. So eine Art Avatare. Auch die Auseinandersetzung mit Rassekunde und „Mein Kampf“ hatte ich anfangs nicht vor, ich bin um sie irgendwann einfach nicht mehr herum gekommen. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass ich schreibend um Marion gerungen habe, vielleicht sogar versucht, das Ende doch zu ändern. Aber das hat Marion nicht mit sich machen lassen.

S.: Sartre, „Das Spiel ist aus“.

Lea: Eine Entwicklung nach dem Muster von „Mein Name sei Gantenbein“ war jedenfalls nicht drin. Marions Kampf gegen Windmühlenflügel hat aber Züge von einem anderen Werk von Max Frisch, von „Andorra“: Weißeln, was nicht zu weißeln ist.

S.: Also doch durch und durch literarisch?

Lea: Nach dem Eigenleben der Figuren zu urteilen <lacht>: Ja. Aber du hast schon Recht. Hertas sehr persönliche, historische Vorlage war mir manchmal im Weg; ich habe lange gebraucht, um mich davon frei zu schreiben. Einfacher war es erstaunlicherweise, allgemeine historische Quellen einzuflechten. Ich meine, die damaligen gesellschaftlichen Paradigmen sind von heute aus gesehen wirklich eine Zumutung. Mit dem Wissen um den Holocaust im Kopf sind an sich nur Formen des Widerstandes erträglich, die es gegeben hat, auch in Marions Umfeld gegeben hat. Ihre Geschichte setzt unter anderem Freundinnen ein Denkmal, die zu ihr gehalten haben, Freundinnen, die auch Herta F. damals hatte.

S.: Und der Familie. Marion hat ja eine sehr interessante Familie, und die hast du doch auch nicht gänzlich erfunden.

Lea: Nun, ich habe sie nachempfunden und letztlich genauso neu erfunden wie die Figur der Marion. Aber die Parallelen sind unverkennbar, für Insider damit auch die Abweichungen von ihrer Erinnerung oder erinnerten Überlieferung. Das ist ein wunder Punkt. „Familienromane bringen gewöhnlich Ärger“ schreibt Heinrich Böll  in einem Spiegel-Artikel (3.5.1982) über Ralph Giordanos „Die Bertinis“. Ich kann nur hoffen, dass Hertas Familie mir zugute hält, dass Marions Geschichte zu schreiben meine einzige Chance war, die Geschichte zu begreifen, dass ich dieses Buch einfach schreiben musste.

S.: Und Herta?

Lea: Du meinst, ob sie mit Marion einig wäre? Mit der Veröffentlichung jedenfalls, da bin ich mir sicher. Sie hat Ende der 50er Jahre selbst an einer Veröffentlichung des Stoffes gearbeitet. Es war ihr ein Anliegen, die Erinnerung an NS Unrecht wach zu halten, an die ihr widerfahrene Facette davon.

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